Ein langjähriger, treuer Begleiter liegt im Sterben.

Seit der Schulzeit waren wir beide unzertrennlich.
Er bescherte mir wundervolle, unbeschwerte, freie Nachmittage. Die Erkenntnis, dass nichts so wichtig ist, dass es sich lohnen würde, sich deswegen “verrückt zu machen” und dem Gegenwind zu stellen. Und das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn ab Morgen würde alles besser.

OK – Es war nicht nur eitler Sonnenschein. Wir standen gemeinsam auch viele dunkle Momente meines Lebens durch. Große Enttäuschungen. Und als gar nichts mehr ging, mir fast die Luft zum Atmen fehlte und ich mich als völliger Versager fühlte, stand er zu mir und gab mir Mut.

Ab morgen.

Ab morgen gehe ich Joggen.
Ab morgen traue ich mich und spreche die Menschen auch an, statt Chancen verstreichen zu lassen.
Ab morgen halte ich meine Versprechen. Angefangen mit denen mir selbst gegenüber.
Ab morgen wird alles gut.

Doch wie kommt es, dass mein treuer Begleiter nun derart am Ende ist?

Es war eine Frage, über die wir uns entzweiten und die ihn sehr verletzte:

“Was wäre, wenn ich – nur für ein Jahr – alle Aufgaben, die mit meinem Ziel zusammen hängen erst ab Morgen beginne?”

Es war uns beiden klar, dass ich meinem Ziel so also ein Jahr lang keinen Schritt näher kommen würde.

Das war schon böse. Aber zum Glück nicht ganz so schlimm. Denn bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass mir meine Ziele gar nicht so wichtig waren, dass es mich wirklich treffen würde, wenn ich sie nicht erreichte.
Doch der Samen war gesät.

So richtig umgehauen hat es ihn dann einige Zeit später.
Der Zweifel nagte an mir. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mein Leben – so, wie ich es lebte – wirklich das war, was ich wollte. Und so stieß ich auf eine weitere Frage:

“Wenn ich heute in der Zeit zurück reisen könnte und vor 10 Jahren etwas in meinem Leben beginnen könnte. Etwas, was ich seit dem konsequent verfolgt hätte, bis heute. Wie würde das mein heutiges Leben verändern? Was wäre es?”

Und plötzlich war es mir klar.
Und plötzlich lag mein alter Begleiter am Boden.
Ich wollte ihm helfen. So lange hatten wir doch so viel geteilt.

Doch “ab morgen” war plötzlich keine Option mehr.

Heute! Das Morgen auf Heute verschieben ist die neue Devise.

Jetzt darf ich mich noch daran gewöhnen. Mein Leben verändert sich. Unmögliches wird plötzlich leicht. Und Aufgaben zu erledigen bringt einen Aufwind mit sich, den ich von früher nicht kannte. Früher, als ich noch auf morgen wartete und als ich mich bei Gegenwind in ein “ab morgen” flüchtete.

Meinen alten Begleiter treffe ich nur noch selten. Ich lebe JETZT. Nur Heute! Ich habe gelernt: Starten kann man nur gegen den Wind.

Letztens fragte ich ihn, ob er nicht mit mir kommen möge und den Aufwind spüren – mich in mein wundervoll verändertes Leben im Heute begleiten.

Er sagte nur: “ab morgen”.

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