Fanny Theymann läuft den Marathon als Weg zum Ziel

Marathon als Weg zum Ziel

Zu meiner Schulzeit war ich leidenschaftliche Handball-Torhüterin. Ich trainierte mehrmals die Woche. “Gutes Training ist der Weg zum Ziel” dachte ich mir. Und ich freute mich besonders auf die Turniere, meine Saison-Highlights.

Eine Saison glich der Anderen. Training, Training, Training. Dann die großen Turniere.

Bis ich eines Tages, nach bereits mehreren Spielen an dem Tag bei einem solchen Turnier im Tor stand und meine Mannschaftskameradinnen über das Feld laufen sah – hin und her. Ich fragte mich, wie viel sie eigentlich insgesamt laufen. “Da könnte ich ja glatt einen Marathon laufen”. Das war mein erster Gedanke an einen Marathon. Jedoch verschwand er auch wieder so schnell, wie er aufgetaucht war und das für viele Jahre bis 2013.

Doch verschwand er nie ganz. Im Jahr 2013 war in meiner Firma ein Stadtlauf mit einem Halbmarathon ausgeschrieben. Und ich merkte, dass ich es gerne wüsste. Schaffe ich einen Halbmarathon? Wie wäre das Gefühl auf dem Weg zum Ziel? Doch leider konnte ich nicht teilnehmen, da ich beruflich genau zu diesem Datum auf einer Fortbildung war. Zwar fand ich es sehr schade, doch gleichzeitig freute sich ein Teil von mir, dass ich mich dieser Herausforderung nicht stellen musste. Und wieder war der Gedanke damit erst mal abgehakt. Für genau 712 Tage.

Der Halbmarathon als Weg zum Ziel: Marathon

Nicht ohne gezieltes Training

2015 dann gab es allerdings keine Ausrede mehr. Ich zögerte, ob ich das als Gelegenheits-Läuferin wirklich schaffen könnte und beriet mich mit einem damaligen Freund und Lauftrainer.

Er war zuversichtlich, dass ich einen Halbmarathon mit gezieltem Training laufen könnte, doch an der Zielzeit zweifelte er. Jetzt war es soweit. Mein Ehrgeiz war gepackt und ich meldete mich an. Es gab es kein Zurück mehr und ich wollte es durchziehen. “Träumen oder Machen” war meine damalige Devise. Also suchte ich mir aus einem Lauf-Buch einen Trainingsplan raus und fing mit meinem Training an.

Gezieltes Training war im Gegensatz zu meinem bisherigen laienhaften Hobby-Training eine große Umstellung. Ich machte viele Fehler und nutzte so fast jede Lernchance, die sich mir bot.

Schritt für Schritt zum Marathon als Weg zum Ziel

Dennoch merkte ich schon bald eine große Verbesserung meiner Fitness. Ich war auf meinem Weg zum Ziel und trainierte hart für meine Zielzeit von unter 2 Stunden. Ich meldete mich bei einem Triathlonverein an, um Unterstützung und Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Leider bekam ich dort nur sehr wenige für mich nützliche Tipps.

Mit jedem Tag rückte der Halbmarathon näher und in den letzten Trainingseinheiten bin ich meiner Zielzeit schon sehr nahe gekommen. Das war für mich die Bestätigung: Ich konnte es schaffen. Der Weg zum Ziel war frei!

Halbmarathon in Stuttgart

Sehr aufgeregt und hin und hergerissen bin ich also am Tag des Stadtlaufs zum Startpunkt gegangen. Ich wusste, dass ich es schaffen kann und dennoch fragte ich mich immer wieder, ob ich auch an diesem Tag meine Leistung abrufen kann.

Der Startschuss fiel und ich lief und lief und lief. Und nach 1h53min genoss ich die letzten Meter auf meinem Weg zu Ziel. Die Stimmung trug mich und ich war Überglücklich. Ich war in diesem Moment zwar einfach nur k.o. doch gleichzeitig so überwältigt von den Emotionen, dass ich meine Erschöpfung erst viel später richtig spürte.

Wenn Laufen zur Gewohnheit wird

Da für mich inzwischen das Laufen zu einem festen Bestandteil meines Tages geworden war und es mir so gut tat, wollte ich an diesem Punkt nicht aufhören. Die Gedanken an den Weg zum Ziel beim Halbmarathon waren noch so präsent und ich fragte mich, ob ich vielleicht doch auch einen Marathon in ähnlichem Tempo laufen könnte. Also in weniger als 4 Stunden.

Diese Frage ließ mich nicht mehr los und so meldete ich mich mit zitternden Händen zum Marathon an.

Wie ich mich zum Marathon motivierte

Ich wollte es all den Zweiflern zeigen

Ich trainierte nun seit 3 Monaten, war völlig k.o. vom Halbmarathon und wollte in nur 3 weiteren Monaten einen Marathon laufen. Die meisten Leute in meinem Umkreis hielten mich für verrückt. Genau das spornte mich noch mehr an. Ich wollte für mich meine Komfortzone verlassen und diesen Marathon laufen. Natürlich wollte ich es auch allen Zweiflern zeigen. Ich erzählte fast überall von meinem Ziel. Damit setzte ich mich zwar selbst noch etwas mehr unter Druck, denn blamieren wollte ich mich auf keinen Fall. Doch es half mir sehr auf dem Weg zu meinem Ziel. Denn so trainierte ich fleißig bei Sonnenschein wie auch bei Regen. Ich erhöhte sogar die Häufigkeit und Intensität meines Trainings. Ich wollte es unbedingt schaffen und träumte weiterhin von meinem Zieleinlauf unter 4 Stunden.

Fanny Theymann entdeckt den Marathon als Weg zum Ziel

Regelmäßige Nachfragen wie denn das Training läuft und wie viel ich am Wochenende gelaufen bin motivierte mich regelmäßig aufs Neue. Selbstverständlich waren auch immer Zweifel da, aber ebenso unglaubliche Motivation und ich glaube ich war noch nie vorher so diszipliniert und zielstrebig gewesen.

Der Rückschlag

Die ersten Wochen des Trainings liefen gut und nach Plan. Doch dann bekam ich eine Verletzung im Bein und durfte nicht laufen – 6 Wochen lang. Ich fragte mich nur einen Moment ob es das Aus für mein Ziel ist. Doch diese Frage konnte ich entschieden mit Nein beantworten, so sehr wollte ich diesen Marathon laufen. Ich war zwar enttäuscht und dennoch war ich mehr denn je auf mein Ziel fokussiert.

Nach wenigen Tagen waren die Schmerzen verschwunden und ich durfte und sollte sogar Gehen und das Bein bewegen. Damit nahm ich mein Training wieder auf. Diesmal nicht laufend sondern gehend. Es kostete mich fast doppelt so viel Zeit – Tag für Tag. Wochenends bin ich die langen Laufeinheiten von 30 km gegangen und war stundenlang unterwegs. Doch ich konzentrierte mich auf mein Ziel. Andere Dinge wurden unwichtig und mussten einfach zurückstecken. Ich wollte diesen Marathon finishen.

Unter diesen Umständen geriet auch die Zielzeit von unter 4 Stunden etwas in den Hintergrund, doch sie blieb in meinem Kopf wie eingebrannt. 3 Wochen vorm Marathon durfte ich wieder richtig trainieren und so absolvierte ich die letzten Laufeinheiten voller Vorfreude aber auch mit Respekt.

42,195 km sind, wie ich im Training feststellen durfte, in der Tat eine große Distanz und ordentliche Herausforderung. Am Tag des Marathons stand ich sehr früh auf und fuhr ich mit ordentlichem Herzpochen die Strecke zum Ort des Marathonlaufs.

Der Weg zum Ziel beginnt

Ein erfahrener Ironman und Marathon-Läufer wollte mich während des Laufs begleiten und meinen Pace-Maker (Zugläufer oder in seinem Fall auch Antreiber) machen. Das beruhigte mich etwas. Dennoch war ich tierisch nervös.

Doch dann viel der Startschuss und ich lief einfach los. Es gab mit jedem Kilometer unzählige verschiedene Gedanken, doch ich lief immer weiter und weiter.

Marathon als Weg zum Ziel
Einsteinmarathon in Ulm

Die marathon Strecke

Die erste Hälfte des Marathons war für mich einfacher als der Halbmarathon zuvor und dennoch gab es Zweifel, ob ich noch einmal dieselbe Strecke, also die zweite Hälfte, laufen kann.

Es gab jetzt allerdings kein Zurück mehr. Wenn ich jetzt aufgeben würde, dann hätte ich zu viel dafür bezahlt. Ich war 1000 Trainingskilometer für diesen Marathon in den letzten 6 Monaten gelaufen bzw. gegangen. Und bereits die Hälfte meines Marathons lag hinter mir.

So wurde es mit jedem weiteren Kilometer immer absurder aufzugeben. Ich hatte zwar unglaublich schmerzhafte Blasen an den Füßen aber sonst war ich noch fit und konnte noch einen Schritt machen und noch einen usw. Ja es war anstrengend und mühsam. Aber es war ja auch kein Spaziergang.

Körperlich war ich so fit auch die letzten paar Kilometer noch zu laufen und in Gedanken stellte ich mir bereits vor, wie ich über die Ziellinie laufe. Es war zwar fraglich, ob ich meine Zielzeit erreiche, doch ich gab mit jedem Schritt mein Möglichstes. Ich machte immer nur den einen Schritt – Schritt für Schritt.

Dann waren es nur noch 2-3 Kilometer und ich wusste, ich würde in wenigen Minuten durch das Ziel laufen. Als am Rand eine Zuschauerin dann anfeuerte und sagte es sei nur noch knapp ein Kilometer überwältigten mich die Emotionen. Ich  war ergriffen von den Erlebnissen auf dem Weg bis zu diesem Ziel und unendlich stolz auf meine Leistung.

Je mehr ich dann in Richtung Ziel lief, desto mehr Zuschauer standen am Rand und gefühlt wurde ich getragen. Ich begann zu fliegen und lief mit einer Leichtigkeit als wäre ich gerade erst losgelaufen und unter Tränen in das Ziel nach 3h:56 min umgeben von 1000 klatschenden Zuschauern ein.

Fanny Theymann beim Halbmarathon in Ulm auf dem Weg zum Ziel

Das war der bis dahin bewegendste Moment in meinem Leben. Ich hatte so viel in der letzten Zeit über mich lernen dürfen. Eines davon war, dass ich mir mehr zutrauen und mehr an mich glauben darf, auch wenn Andere es nicht tun. Eine solche Leistung ist vielleicht für Andere unvorstellbar, aber das hat Nichts mit mir zu tun.

Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich mich vorher mit meiner Ziele-Strategie auseinandergesetzt habe und wusste, wie ich mich immer wieder motivieren kann. Ich glaube sogar, dass ich ohne das Wissen mein Ziel nicht erreicht hätte, weil ich an irgendeinem Hindernis vorher aufgegeben hätte.

Inzwischen bin ich schon mehrere Marathons gelaufen und helfe Anderen mit dem Laufen zu beginnen und evtl. ebenso einmal einen Halbmarathon oder Marathon zu laufen.

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